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Machtübernahme: Rosatoms Komplizenschaft bei Besatzung, Folter und Brüchen der nuklearen Sicherheit im Kernkraftwerk Saporischschja

Machtübernahme: Rosatoms Komplizenschaft bei Besatzung, Folter und Brüchen der nuklearen Sicherheit im Kernkraftwerk Saporischschja

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Dieser Bericht ist das Ergebnis engagierter gemeinschaftlicher Arbeit. Doch ohne den Mut derjenigen, die sich bereit erklärten, mit uns zu sprechen, wäre er nicht möglich gewesen. Ihre  Aussagen erforderten außergewöhnliche Entschlossenheit und Anstrengung. Wir sind allen, die uns ihre Geschichten anvertraut haben, aufrichtig dankbar.

Bei der Erstellung dieses Berichts standen wir vor einer schwierigen Entscheidung: Auf welche der zahlreichen Verbrechen sollten wir uns konzentrieren und welche sollten wir aus dieser Studie ausklammern? Letztendlich haben wir beschlossen, dass dieser Bericht in erster Linie eine Untersuchung der Besetzung selbst, sowohl der Stadt als auch des Kraftwerks, der Fälle von Folter an Zivilisten und der Gefahren für die nukleare Sicherheit und Sicherung sein sollte. Gleichzeitig hielten wir es für wichtig, uns auf einen Faktor zu konzentrieren, der die dokumentierten Verbrechen und Verstöße ermöglicht hat

Zusammenfassung

Die Einnahme der Stadt Enerhodar und des Kernkraftwerks Saporischschja (ZNPP) durch Russland im März 2022 markiert ein bislang beispielloses Ereignis in der modernen Geschichte: Die erste militärische Besetzung eines in Betrieb befindlichen kommerziellen Kernkraftwerks. Diese Besetzung, die nun bereits seit vier Jahren andauert, ist mit Menschenrechtsverletzungen, Verstößen gegen das Völkerrecht und akuten Risiken für die nukleare Sicherheit verbunden und geht mit tiefgreifenden nationalen und globalen Folgen einher.

Dieser Bericht untersucht die räumliche und administrative Übernahme von Enerhodar und dem Kernkraftwerk Zaporizhzhia durch die Okkupationstruppen, die systematische Folter und Verfolgung von Zivilisten, darunter auch von Anlagenpersonal, sowie die tiefgreifende Verflechtung des russischen staatlichen Atomkonzerns, der Föderalen Agentur für Atomenergie Russlands Rosatom  (im Folgenden „Rosatom“), in die Verwaltung des besetzten Enerhodar und die Verbrechen selbst. Basierend auf monatelangen Ermittlungen zeigt der Bericht auf, wie die Unternehmens-, Verwaltungs- und Finanzstrukturen von Rosatom im Dienste der militärischen Kontrolle instrumentalisiert wurden und zur Unterdrückung des Widerstands, zur Begehung schwerer Verbrechen und zur Gefährdung der nuklearen Sicherheit geführt haben. Die Ergebnisse unterstreichen die dringende Notwendigkeit koordinierter internationaler Maßnahmen, um die anhaltenden Übergriffe zu beenden, die nukleare Sicherheit zu schützen und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Als russische Einheiten am 4. März 2022, weniger als zwei Wochen nach Beginn der Voll-Invasion der Ukraine, Enerhodar einnahmen, übernahmen sie die Kontrolle über das ZNPP, das größte Kernkraftwerk Europas. Russische Truppen hielten kritische Infrastrukturen in Enerhodar besetzt, aber die ukrainischen Kommunalbehörden versuchten weiterhin, ihre Arbeit fortzusetzen, indem sie Evakuierungen organisierten, öffentliche Dienste weiterführten und die Moral der Bürger aufrechterhielten. Ziviler Widerstand führte dazu, dass Tausende gegen die Besatzung demonstrierten. Diese fragile Arrangement brach Ende März/Anfang April zusammen, als russische Einheiten die ukrainischen Behördenstrukturen zerschlugen und durch parallele Verwaltungsorgane ersetzten. Repressionen und Gewalt wurden seitdem systematisch durchgeführt und richteten sich unter anderem gegen Freiwillige der Territorialverteidigung, pro-ukrainische Aktivisten und Mitarbeiter des ZNPP, die sich weigerten, mit den Besatzern zu kollaborieren.

Russischen Einheiten richteten mindestens sieben Haftorte in Enerhodar und Umgebung ein, darunter zwei kleinere Standorte. Truth Hounds hat dokumentiert, wie die russische Besatzungsmacht mindestens 226 Einwohner von Enerhodar und Mitarbeiter des Kernkraftwerks Saporischschja rechtswidrig inhaftierte, die meisten davon in stark überbelegten Einrichtungen, wo die Häftlinge physischer und psychischer Folter ausgesetzt waren, um Informationen zu erpressen, Geständnisse zu erzwingen, widerständiges Verhalten zu bestrafen, einzuschüchtern und Zusammenarbeit zu erzwingen. Russische Einheiten enthielten Inhaftierten entgegen den Bestimmungen des Völkerrechts Nahrung, Wasser und medizinische Versorgung vor. Folter, darunter Prügel, Elektroschocks, sexuelle Gewalt, Scheinhinrichtungen und Drohungen gegen Familienangehörige der Inhaftierten, wurde zur Routine.

In Verhören sollten Informationen über Widerstandsaktivitäten, Waffen und Verbindungen zum ukrainischen Militär eingeholt werden. Einige Häftlinge wurden gezwungen, Kooperationsvereinbarungen oder Verträge mit Rosatom zu unterzeichnen, und viele wurden gefilmt, wie sie zu Propagandazwecken Falschaussagen machten, in denen sie die russischen Streitkräfte priesen oder die Ukraine diskreditierten.

Recherchen von Truth Hounds deuten darauf hin, dass solche Übergriffe weit verbreitet und systematisch gegen Zivilisten gerichtet waren. Es sind Handlungen, die nach dem Völkerrecht Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellen. Darüber hinaus wurden zertifiziertes Anlagenpersonal und Spezialisten mit besonderen technischen Fähigkeiten, die für die Reaktorsicherheit von entscheidender Bedeutung sind, gezielt angegriffen, wodurch der sichere Betrieb der Anlage gefährdet und das Risiko für einen nuklearen Zwischenfall erhöht wurde.

Bis zum Herbst 2022 festigte Russland seine Kontrolle durch ein inszeniertes Referendum, Dekrete zur Übertragung der ZNPP unter russische Gerichtsbarkeit und die Trennung des Kraftwerks vom ukrainischen Stromnetz. Die Einwohnerzahl von Enerhodar sank von 50.000 vor der Besetzung auf etwa 10.000 im März 2025. Rosatom spielte bei dieser Konsolidierung eine zentrale Rolle. Die Budgets der Kommunalverwaltungen wurden von Subventionen und Zuschüssen abhängig, die durch das Unternehmen flossen und Personen, die über einen beruflichen Hintergrund bei Rosatom oder im Nuklearsektor verfügten, erhielten Schlüsselpositionen in der Besatzungsverwaltung. Dadurch wurden Verwaltungsmodelle aus den „Atomstädten” Russlands repliziert. Vertreter von Rosatom oder in deren Auftrag handelnde Personen zwangen die Mitarbeiter des Kernkraftwerks Zaporizhschja, Verträge zu unterzeichnen und sich zur Besatzung zu bekennen. Der Status des Konzerns als „Staatsunternehmen” nach russischem Recht, das kommerzielle Tätigkeiten mit staatlichen Funktionen verbindet, ermöglicht es ihm, sowohl als wirtschaftlicher Akteur als auch als Vollstrecker der Besatzungspolitik zu fungieren. Seine anhaltende Präsenz auf den globalen Nuklearmärkten sorgt für Ressourcen und Expertise, um die Besatzung aufrechtzuerhalten.

Das Verhalten der russischen Streitkräfte und Besatzungsbehörden in Enerhodar und im Kernkraftwerk Saporischschja umfasst Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit und damit schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht (IHL). Die rechtswidrige Inhaftierung, Folter und die inhumane Behandlung von Zivilisten verstoßen gegen das Römische Statut und die Genfer Konvention, während die gezielte Bekämpfung ziviler Nuklearanlagen gegen das Zusatzprotokoll I (AP(I)) verstößt. Die aktive Rolle von Rosatom bei Zwangsmaßnahmen ermöglicht Verfahren nach internationalem Recht in Bezug auf Staatenverantwortlichkeit und Unternehmenshaftung. Darüber hinaus ist die Integration eines staatlichen Unternehmens in die Besatzungs- und Unterdrückungsmaschinerie eine beunruhigende und gefährliche Realität, die verstärkte internationale Maßnahmen erfordert, um Unternehmensakteure für ihre Rolle bei diesen Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen.

Die Risiken einer nuklearen Katastrophe im Kernkraftwerk Saporischschja sind nach wie vor real und zeigen, dass Russland die etablierten internationalen Normen für nukleare Sicherheit grundlegend missachtet. Die Zwangsrekrutierung von Kraftwerkspersonal durch die Besatzungsmacht und das allgemeine Klima der Angst im und um das Kernkraftwerk Saporischschja verstoßen gegen die „Sieben unverzichtbaren Säulen der nuklearen Sicherheit und Sicherung“ der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), insbesondere gegen den Grundsatz, dass das Personal frei von unzulässigen Druck arbeiten können muss. Einschüchterung, der Verlust von qualifiziertem Personal und das Kappen der Verbindungen zu den ukrainischen Regulierungssystemen haben die Sicherheitskultur des Kraftwerks untergraben und schaffen nukleare Risiken mit internationalen Implikationen. Im September 2025 steht das Kernkraftwerk Saporischschja de facto unter russischer Kontrolle. Die sechs Reaktoren des Kraftwerks sind seit September 2022 abgeschaltet, doch im Mai 2025 gab Rosatom-Chef Alexej Lichatschow die Billigung eines Plans zur Wiederherstellung der vollen Stromerzeugungskapazität des Kraftwerks bekannt, inklusive des Austauschs des Stromversorgungssystems. Es gibt Belege für neue Stromleitungen, die das Kraftwerk mit dem russischen Netz verbinden. Die derzeit bestehenden großen nuklearen Gefahren im Kernkraftwerk Saporischschja würden sich im Falle einer Wiederinbetriebnahme eines oder mehrerer Reaktoren durch Rosatom weiter verschärfen. Damit steigt das Potential zu einer sehr großen Freisetzung von Radioaktivität in die Umwelt der Ukraine und Europas.

Diese Verbrechen und Risiken für die nukleare Sicherheit finden vor dem Hintergrund neuerlicher diplomatischer Gespräche über die Beendigung der Feindseligkeiten statt. Das Schicksal des Kernkraftwerks Saporischschja war eines der Themen, die in diesen Gesprächen diskutiert wurden. Russland erklärte, dass es die Kontrolle niemals abgeben werde, während die ukrainische Regierung darauf bestand, dass die vollständige Kontrolle durch die Ukraine der einzige Weg zur Wiederherstellung der Sicherheit sei. Internationale Akteure haben eine internationale Überwachung des Kraftwerks vorgeschlagen, aber es fehlt an einer aussagekräftigen Vereinbarung.

Dieser Bericht basiert auf 39 umfassenden Interviews mit Überlebenden und Zeugen – darunter 20 Mitarbeitern des Kernkraftwerks Saporischschja –, die aus Sicherheitsgründen anonymisiert und unter Einhaltung ethischer Standards für Feldforschung in ukrainischer und russischer Sprache durchgeführt wurden, sowie auf Aussagen von 17 ehemaligen Einwohnern von Enerhodar, die von der Vereinigung der Angehörigen politischer Gefangener des Kremls zur Verfügung gestellt wurden. Truth Hounds hat außerdem öffentlich zugängliche Informationen aus Medien, lokalen Telegram-Kanälen, offiziellen Social-Media-Kanälen, geleakten Datenbanken und anderen öffentlich zugänglichen Quellen erfasst und analysiert, um administrative Veränderungen, Einschränkungen für die Zivilbevölkerung, soziale Dynamiken und die militärische Präsenz in und um Enerhodar zu dokumentieren. Die Untersuchung umfasste eine Analyse der Governance, der Geschäftstätigkeit und der globalen Aktivitäten von Rosatom, wobei offizielle russische Quellen, Unternehmensberichte und andere Fachquellen herangezogen wurden. Um die Risiken für die nukleare Sicherheit und Sicherung zu bewerten, konsultierte das Team einen Nuklearexperten von Greenpeace Ukraine und befragte ehemalige Nuklearfachleute des Kernkraftwerks Saporischschja. Rechtsexperten prüften die Beweise, um mögliche Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht und das internationale Strafrecht zu bewerten, wobei die Ergebnisse durch Zeugenaussagen und öffentlich zugängliche Daten gegengeprüft wurden, um ein umfassendes Lagebild der Auswirkungen der Besatzung zu erhalten.

Die Auswirkungen der jüngsten Ereignisse in Enerhodar und im Kernkraftwerk Saporischschja sind nicht auf die Ukraine beschränkt. Die Verschlechterung des Betriebszustands des Kernkraftwerks Saporischschja, seine Nähe zu aktiven Kampfhandlungen und die Erosion der Sicherheitskultur bedrohen die nukleare Sicherheit in ganz Europa und potentiell auch darüber hinaus. Ein schwerer Zwischenfall könnte zur Verbreitung radioaktiver Stoffe über weite Gebiete führen, was schwerwiegende humanitäre, ökologische und wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen würde.

Truth Hounds und Greenpeace Ukraine fordern sofortige und entschlossene Maßnahmen auf internationaler Ebene. Die Strafverfolgungsbehörden in den zuständigen Gerichtsbarkeiten sollten Ermittlungen und Gerichtsverfahren gegen Personen und Organisationen einleiten, die für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Verstöße gegen die nukleare Sicherheit in Enerhodar und im Kernkraftwerk Zaporizhzhia verantwortlich sind. Die maßgeblichen Akteure sollten dringend erweiterte Sanktionen gegen Rosatom und seine Tochtergesellschaften verhängen, die auf die Finanzströme abzielen, die die Besatzung aufrechterhalten. Dem Inspektionsteam der IAEO vor Ort muss uneingeschränkter und ungehinderter Zugang zum Personal des Kraftwerks und zu allen relevanten Bereichen des Kernkraftwerks Saporischschja gewährt werden. Eine unabhängige Überwachung der Menschenrechtslage in Enerhodar und allen Haftanstalten ist unerlässlich, wobei der Schutz des Kraftwerkspersonals Vorrang haben muss. Die Organe der Vereinten Nationen (UN) sollten ebenfalls mehr tun, um die Situation im Kernkraftwerk Saporischschja öffentlich zu verurteilen und eine systematische Überwachung und Berichterstattung über Menschenrechtsverletzungen, Verstöße gegen das Völkerrecht und Risiken für die nukleare Sicherheit sicherzustellen. In allen laufenden Verhandlungen sollte der Wiederherstellung der ukrainischen Kontrolle über das Kernkraftwerk Saporischschja Vorrang eingeräumt werden.

Die Besetzung von Enerhodar und des Kernkraftwerks Saporischschja ist eine einzigartig gefährliche Kombination aus systematischer Unterdrückung, Verstößen gegen das Völkerrecht und der Gefahr einer nuklearen Katastrophe. Da Russland seine Absicht signalisiert hat, das Kraftwerk unter unsicheren Bedingungen wieder in Betrieb zu nehmen, nehmen die Gefahren weiter zu. Untätigkeit würde nicht nur die Überlebenden der Misshandlungen in Enerhodar im Stich lassen, sondern auch die Welt der Gefahr einer nuklearen Katastrophe aussetzen. Die internationale Gemeinschaft muss die Krise um das Kernkraftwerk Saporischschja als globale Sicherheitspriorität behandeln und Maßnahmen ergreifen, um die Sicherheit wiederherzustellen, die Rechtsstaatlichkeit aufrechtzuerhalten und zu verhindern, dass ein Präzedenzfall für die Militarisierung ziviler Nuklearanlagen wie des Kernkraftwerks Saporischschja geschaffen wird.

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Sponsoren:

Wir möchten uns für die großzügige Unterstützung durch die Howard G. Buffett Foundation bedanken. Ihr Engagement für diese Arbeit und das Projekt „Restraining a Doubt Machine: Truth-Telling about Atrocity Crimes in Ukraine through Strategic Litigation and Advocacy Campaigns” (Eindämmung einer Zweifelmaschine: Aufdeckung der Wahrheit über Gräueltaten in der Ukraine durch strategische Prozessführung und Kampagnen für Interessenvertretung) von PEJ und Truth Hounds stellt sicher, dass die Welt das gesamte Ausmaß und den Umfang der Handlungen Russlands erfahren und dass das ukrainische Volk letztendlich Gerechtigkeit erlangen wird. Wir sind dankbar für ihr Vertrauen in unsere Tätigkeit und ihr Engagement für Gerechtigkeit für die Ukraine.

Diese Veröffentlichung wurde mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union erstellt. Der Inhalt liegt in der alleinigen Verantwortung von Truth Hounds und spiegelt nicht unbedingt die Ansichten der Europäischen Union wider.

Dieser Bericht stützt sich auf die technologischen Ressourcen der I-DOC-Datenbank, zur Verfügung gestellt mit Unterstützung unseres Partners, dem Norwegischen Helsinki Komitee, einer in Norwegen ansässigen internationalen Menschenrechtsorganisation, die sich für die Förderung und den Schutz der Menschenrechte, demokratischer Werte und der Rechtsstaatlichkeit einsetzt.

Empfehlungen

An ausländische Regierungen und Strafverfolgungsbehörden:

Untersuchen Sie Verbrechen, die unter den Weltrechtsgrundsatz fallen, darunter:

  • Untersuchungen zu Folter und anderen schweren Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht in Enerhodar, einschließlich der möglichen Mittäterschaft von Rosatom; und
  • Untersuchung dieser Verstöße als Verbrechen gegen die Menschlichkeit aufgrund ihrer großen Zahl und des systematischen Charakters. Ziehen Sie sowohl einzelne Täter zur Rechenschaft als auch Unternehmen, einschließlich Rosatom, welche die Verbrechen ermöglicht haben.

Beendigung der Zusammenarbeit mit Rosatom, unter anderem durch:

  • Die Aussetzung oder Kündigung bestehender Verträge mit Rosatom und seinen Tochtergesellschaften aufgrund ihrer Beteiligung an schweren Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht;
  • Verzicht auf neue Partnerschaften mit Rosatom angesichts der damit verbundenen rechtlichen, ethischen und reputationsbezogenen Risiken; und
  • Ausschluss von mit Rosatom verbundenen Unternehmen von öffentlichen Aufträgen und Partnerschaften im Energiesektor.

Verhängung weiterer gezielter Sanktionen durch:

  • Ausweitung und Verhängung von Strafmaßnahmen gegen Rosatom, insbesondere in der EU und anderen Staaten, die bislang noch nicht tätig geworden sind, darunter:
    • Verbot neuer Verträge und der bestehenden nuklearen Zusammenarbeit;
    • Beschränkungen für den Export von Ausrüstung, Dienstleistungen und Technologien;
    • Finanzsanktionen – Einfrieren von Vermögenswerten und Transaktionsverbote;
    • Export-/Importkontrollen für nukleares Material, insbesondere angereichertes Uran; und
    • Sanktionen gegen Tochtergesellschaften von Rosatom, die mit militärischer Beschaffung und der Entwicklung von Atomwaffen in Verbindung stehen; und

Aufforderung an Russland, alle unrechtmäßig inhaftierten ukrainischen Zivilisten, einschließlich der Einwohner von Enerhodar und der Mitarbeiter des Kernkraftwerks Saporischschja, freizulassen.

An die Organe der Vereinten Nationen:

1. An den Generalsekretär der Vereinten Nationen:

  • Ernennen Sie einen Sonderbeauftragten für den Schutz ziviler Infrastruktur und nuklearer Sicherheit in bewaffneten Konflikten, mit den folgenden Aufgaben:
  • Koordinierung der internationalen Bemühungen zur Gewährleistung der Entmilitarisierung des Kernkraftwerks Saporischschja und zum Schutz der kerntechnischen Anlagen in der Ukraine;
  • Direkte Zusammenarbeit mit allen maßgeblichen Parteien, einschließlich der Russischen Föderation, um den sofortigen Abzug von Militärpersonal und -ausrüstung aus dem Kraftwerk sicherzustellen;
  • Funktion als zentrale Anlaufstelle für die Überwachung von Bedrohungen für nukleare Anlagen in Konfliktgebieten oder Gebieten, in denen politische Instabilität herrscht, einschließlich Kernkraftwerken in Regionen mit zunehmenden Spannungen, und regelmäßige Berichterstattung an den UN-Sicherheitsrat und die Generalversammlung über den Status des Kernkraftwerks Saporischschja und anderer kritischer ziviler Infrastrukturen;
  • Erleichterung der Zusammenarbeit mit der IAEO und dem Amt des Hohen Kommissars für Menschenrechte (OHCHR), um eine unabhängige Überwachung, Risikobewertung und Rechenschaftspflicht für Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht sicherzustellen; und
  • Stärkung der internationalen Normen des humanitären Völkerrechts und der Menschenrechte zum Schutz der nuklearen Infrastruktur, Eintreten für die Einhaltung der sieben unverzichtbaren Säulen der nuklearen Sicherheit der IAEO und der fünf konkreten Grundsätze in allen Konfliktgebieten sowie Drängen auf die Aufnahme von Maßnahmen zum Schutz der nuklearen Sicherheit in Resolutionen des UN-Sicherheitsrats, Friedensmandate und Waffenstillstandsabkommen.

2. OHCHR:

  • Verstärkung von Überwachung und von öffentlicher Verurteilung durch:
  • Aufnahme der Erkenntnisse über systematische Inhaftierungen und Folter in Enerhodar in die Berichte des OHCHR und die Entsendung von Untersuchungsteams; und
  • Öffentliche Forderung nach der sofortigen Freilassung rechtswidrig inhaftierter Zivilisten, darunter Einwohner von Enerhodar und Mitarbeiter des Kernkraftwerks Saporischschja; und

3. UN Global Compact:

  • Prüfen Sie, ob Rosatom die UN Global Compact Prinzipien einhält. Setzen sie im Fall von bestätigten Verstößen die Mitgliedschaft unverzüglich aus, um die Integrität des Global Compact zu wahren.

An die IAEO:

  • Dokumentieren und benennen Sie Sicherheitsverstöße öffentlich, indem Sie:
  • über allgemeine Sicherheitsberichte hinausgehend konkret Fälle dokumentieren, in denen Besatzungshandlungen sowohl gegen die sieben unverzichtbaren Säulen als auch gegen die fünf konkreten Grundsätze der IAEO verstoßen, und benennen Sie die verantwortliche Partei, wenn eindeutige Beweise vorliegen;
  • regelmäßig detaillierte öffentliche Berichte veröffentlichen, mit Anhängen, die Vorfallsprotokolle, Zeitverläufe und fotografische oder Sensor-Beweise enthalten; und
  • den UN-Sicherheitsrat und die Generalversammlung mit deutlichen Worten über Verstöße informieren und dabei sowohl die unmittelbaren Risiken als auch die strukturellen Gefahren hervorheben, die durch die militärische Kontrolle und die Zwangsmaßnahmen gegenüber Mitarbeitern verursacht werden; und
  • Verlangen Sie von Rosatom die vollständige Einhaltung sowohl der sieben Säulen der nuklearen Sicherheit als auch der fünf konkreten Grundsätze im Kernkraftwerk Zaporizhzhya und wirken Sie darauf hin, dass eine Wiederinbetriebnahme des Kraftwerks unter militärischer Besatzung ohne unabhängige Aufsicht verhindert wird.

An den Menschenrechtskommissar des Europarates:

Durchführung einer thematischen Untersuchung und öffentliche Berichterstattung, unter anderem durch:

  • Veröffentlichung eines Sonderberichts über Menschenrechtsverletzungen gegen Mitarbeiter des Kernkraftwerks Saporischschja und Einwohner von Enerhodar, in dem willkürliche Inhaftierungen, Folter, Nötigung und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit dokumentiert und der direkte Zusammenhang zwischen diesen Missbräuchen und einer beeinträchtigten nuklearen Sicherheitskultur hervorgehoben werden;
  • Aufnahme der Ergebnisse in Bezug auf das Kernkraftwerk Saporischschja in die Jahresberichte oder Ad-hoc-Berichte an das Ministerkomitee und die Parlamentarische Versammlung des Europarates;
  • Veröffentlichung offizieller Erklärungen, in denen Russlands Behandlung der Mitarbeiter des Kernkraftwerks Saporischschja und der Zivilbevölkerung von Enerhodar als Verstoß gegen die Europäische Menschenrechtskonvention und das humanitäre Völkerrecht bezeichnet wird; und
  • Organisation öffentlicher Anhörungen oder Expertenrunden zum Thema „Menschenrechte in besetzten Kernkraftwerken“, wobei das Kernkraftwerk Saporischschja als primäre Fallstudie dient, um die Zusammenhänge zwischen der Bedrohung der nuklearen Sicherheit und der gravierenden Menschenrechtskrise im und um das Kernkraftwerk Saporischschja herum aufzuzeigen.

An die staatlichen Institutionen der Ukraine:

1. Das Außenministerium:

  • Integrieren Sie die Erkenntnisse des Berichts in diplomatische Bemühungen, Erklärungen auf internationaler Bühne und Eingaben an globale Gremien.

2. Energoatom (staatliches Kernkraftwerksunternehmen der Ukraine):

  • Nutzen Sie die Erkenntnisse dieses Berichts in der öffentlichen Kommunikation und im internationalen Austausch mit Nuklearinstitutionen.

3. Generalstaatsanwaltschaft:

  • Beziehen Sie die Beweise aus diesem Bericht in die laufenden Ermittlungen zu Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht in Enerhodar ein und gehen Sie dabei sowohl auf die individuelle als auch auf die institutionelle Verantwortung ein, einschließlich jene von Rosatom.

4. Strafverfolgungsbehörden:

  • Stellen Sie sicher, dass die rechtlichen Bewertungen des Personals des Kernkraftwerks Saporischschja und der Zivilbevölkerung unter der Besatzung eine Zwangslage widerspiegeln, einschließlich Folter und Drohungen, die die Handlungsfreiheit einschränkt.

An Unternehmen der Nuklearindustrie:

  • Beenden Sie alle direkten und indirekten Beziehungen zu Rosatom aufgrund seiner Rolle in Zusammenhang mit schweren Menschenrechtsverletzungen und Verstößen gegen die nukleare Sicherheit.

An internationale Gewerkschaften:

  • Verurteilen Sie öffentlich die Beteiligung von Rosatom an Menschenrechtsverletzungen, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
  • Mobilisieren Sie Ihre Mitglieder, um von den Regierungen zu fordern, dass sie ihre Beziehungen zu Rosatom abbrechen und verfolgte ukrainische Energiearbeiter unterstützen; und

An zivilgesellschaftliche Organisationen, Umweltaktivisten sowie wissenschaftliche communities:

  • Erkennen Sie öffentlich an, dass das Kernkraftwerk Zaporizhschja ein hohes Risiko für die Umwelt und die öffentliche Gesundheit darstellt.
  • Schärfen Sie das Bewusstsein für die Situation im Kernkraftwerk Zaporizhschja und fordern Sie Gerechtigkeit dadurch ein, indem Sie Regierungen involvieren, die Forderung nach Gerechtigkeit und Rechenschaft für Folteropfer und Inhaftierte unterstützen und weitere Untersuchungen durchführen, um die in diesem Bericht beschriebenen Vorkommnisse näher zu beleuchten.
  • Setzen Sie sich für die vollständige Einhaltung internationaler Sicherheitsstandards ein, lehnen Sie jede Wiederinbetriebnahme des Kraftwerks unter Besatzungsbedingungen ab und drängen Sie auf die Entmilitarisierung des Standorts.
  • Engagieren Sie sich für Maßnahmen, mit denen Überlebende von Repressionen und ihre Familien psychologisch, rechtlich und humanitär unterstützt werden können.
  • Fordern Sie Russland auf, alle unrechtmäßig inhaftierten ukrainischen Zivilisten, darunter Einwohner von Enerhodar und Mitarbeiter des Kernkraftwerks Saporischschja, freizulassen.

Diese Liste von Empfehlungen und Adressaten ist nicht vollständig. Institutionen, Organisationen und Einzelpersonen, die über die Fähigkeit und das Mandat verfügen, die oben genannten Ziele voranzutreiben, werden ebenfalls aufgefordert, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um weitere Verstöße gegen die Sicherheit und die Menschenrechte zu verhindern und die Rechenschaftspflicht für die in diesem Bericht untersuchten Verstöße sicherzustellen.